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Meine Kindheitserinnerung
Das Tack-Tack, Tack-Tack der Räder auf den Schienen wurde langsamer. Erwartungsvoll schauten wir aus dem Fenster und suchten das Bahnhofsgebäude aus roten Backsteinen und dahinter den Wagen mit den beiden Füchsen. Der Zug kam schließlich rumpelnd, mit verhallendem Pufferklappern zum Stehen. Die Lokomotive zischte leise. Einzelne Türen wurden geöffnet und dann hörte man draußen den langgezogenen Ruf des Zugschaffners: "Baldenburg!" Wir stiegen aus und gaben an der Schranke unsere Fahrkarten ab. Da stand Opa. Er hatte in der Bahnhofsgaststätte gewartet und sich einen Schnaps genehmigt. Franz Fehlberg war ein schlanker, eher kleiner Mann mit einem Schnurbart, der an den Enden - wenigstens an Feiertagen - nach Art des letzten Kaiser in die Höhe gezwirbelt wurde, was ihm ein leicht verwegenes Aussehen gab.

Kirche
Die Kirche 1936

Nach der freudigen Begrüßung stiegen wir auf den Wagen. Das war nun leider keine elegante Kutsche, sondern der vierrädrige Ackerwagen, mit dem an anderen Tagen auch der Mist aufs Feld gefahren wurde. Für die Fahrt "in die Stadt" und den Besuch aus Berlin war quer zwischen die seitlichen Bretter eine Bohle gelegt worden, auf der man sitzen konnte. Ich bekam natürlich den Ehrenplatz neben Großvater, meine Mutter saß rückwärts hinter uns, denn alle paßten nicht nebeneinander. Opa zog die Zügel an, ließ sie leicht auf die Rücken der Pferde klatschen, rief "Hüa!" und los ging's.

Meist fuhren wir nicht durch die Stadt, sondern auf der östlichen Höhe zur Rummelsburger Straße und am Friedhof vorbei. Die neue Straße war erst in den dreißiger Jahren gebaut worden. Auf halben Wege lag das Dorf Schönberg. Bald dahinter machte die Straße eine Bogen um den 229 m hohen Baumberg. Hier war die alte Grenze zwischen Westpreußen und Pommern und von dieser Stelle konnte man in der Ferne Hölkewiese liegen sehen.

Am seinem westlichen Dorfeingang vereinigten sich die von Baldenburg und Bublitz kommenden Chausseen. Zwischen beiden schaute das Wohnhaus des Schmiedes Wenzlaff durch einen Tunnel aus Linden unterschiedlichen Alters die leicht ansteigende Dorfstraße hinauf, welche mit unbehauenen Feldsteinen gepflastert war. Linker Hand lag der Hof des Bauern Berndt; gegenüber wohnten Lawrenzen. Auf der Nordseite der Straße folgte das Gehöft von Walter Beß, der unser Nachbar und ein Neffe meines Großvaters Franz Fehlberg war. Visavis stand mit dem Giebel zu Straße ein altes, strohgedecktes Fachwerkhaus, das dem unsrigen glich. Es wurde nach seinen letzten Bewohnern das "Bansemersche" benannt und gehörte zur Kirche, die sich etwas weiter aufwärts auf einem Hügel erhob inmitten des alten Friedhofs, der von großen Bäumen und Rosenbüschen dicht bestanden und von einer verfallenen Feldsteinmauer umgeben war. Die Dorfkirche aus roten Ziegeln und mit einem spitzen Turm war ein nüchterner Bau des neunzehnten Jahrhunderts. Wieder gegenüber folgte hinter dem Bansemerschen Feld der Hof von Albert Gleß, darauf das winzige, feldsteinerne "Spritzenhaus", das Schamunsche Gehöft und der Dorfkrug von Max Knuth an.

Krug
Der Krug von Max Knuth


Hinter der Kirche, gegenüber vom Krug, lagen die Häuser von Kuchenbecker, dem "Chausseekratzer" und vom Schneider Glashagen, welch' letzterer aber auch die Haare schnitt. Dann fehlten auf beiden Seiten der Straße die Höfe, wenn man von denen der Kackeldeys und Ficks (zu meiner Zeit hieß der Bauer schon Biging) absieht, die etwas entfernt rechter Hand lagen. Im oberen Teil des Dorfes residierte die Obrigkeit, nämlich Bürgermeister Damerow und "Gutsbesitzer" Bethge.

Am Spritzenhaus zweigte hinter dem Kirchhof nach Süden ein Sandweg ab, der im Bogen zurück zur Baldenburger Chaussee lief und zusammen mit der Hauptstraße so etwas wie eine Dorfaue bildete. Auf seiner höheren Südseite lagen drei weitere Höfe - Ernst Gleß, Dahms und Wehler - und dazwischen die Schule. In der Senke neben dem Kirchhof lief von Osten kommend ein Rinnsal durchs Dorf, das manche "Hölke" nannten und das dem Ort den Namen gegeben haben soll.

Schule
Die Schule


Westlich des Dorfes verschwand es wieder im Boden. Im Sommer trocknete es auch im Orte selbst aus, im Winter aber konnte man sich schon die Füße naß machen, wenn man auf dem Schulweg durch sein Eis brach. Dort, wo der von der Hauptstraße abzweigende Sandweg bei Kuchenbeckers diesen Graben kreuzte, befand sich der Dorfbrunnen. Schaute man über seinen Rand, so sah man unten das eigene Spiegelbild. Das Wasser wurde in einem hölzernen, von eisernen Ringen gefaßten Eimer empor geholt, der an einer langen Stange befestigt war, die wiederum an einem Waagebalken mit Gegengewicht hing. Dieser Brunnen, der schon damals eher nach Ungarn paßte, wurde nur noch von wenigen Familien im Dorfes benutzt; die meisten hatten auf ihren Höfen eigene Schwengelpumpen.

Fehlhaus
Das Fehlbergsche Haus

Mochte in der Welt der Krieg toben, das Leben im Dorfe verlief, sich stetig wiederholend, im Rhythmus der Jahreszeiten, folgte Winter auf Sommer, Ernte auf Saat. Die Ereignisse im Dorf waren Hochzeiten, Kindstaufen, Begräbnisse. Da die Leute nicht gerade reich waren, konnte man nur Verwandtschaft und gute Freunde einladen. Aber von draußen durch die unverhängten Fenster schaute das ganze Dorf dem bunten Treiben drinnen, dem Reden, Schmausen und Tanzen zu. Ich sah das zum ersten Mal, als Onkel Franz, Mutters Bruder, Liesel Engelke heiratete. Es war Anfang des Krieges und wir waren extra nach Pommern gefahren.

Kurz bevor alles zusammenbrach gab es noch einmal ein großes Ereignis, das Begräbnis des alten Bethge, des "Gutsbesitzers". Er war selbstverständlich der erste Mann im Dorfe gewesen, wenn man auch nach dem ersten Kriege, als das preußische Dreiklassenwahlrecht abgeschafft worden war, einen anderen zum Bürgermeister gewählt hatte. Vorsitzender des Kriegervereins war er allemal und so zog denn der Trauerzug die Dorfstraße hinunter: Vorneweg die alten Krieger - auch mein Großvater - in alten Uniformen oder im Gehrock mit allen ihren Orden, das Gewehr geschultert, unter ihrer Fahne; ich weiß nicht mehr wie sie aussah, aber ein Hakenkreuz hatte sie bestimmt nicht. Dahinter der Sarg auf einem Wagen, der von schwarzen Pferden gezogen wurde. Dann die Trauernden: Die Frau schwarz verschleiert, der Sohn, die Verwandtschaft. Als Kind durfte ich nur von weitem zuschauen, aber ich fühle noch heute den Schauder, als ich auf dem Felde die drei Salven vom Friedhof hörte.

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