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Scharfrichter in Bublitz
Die letzte Hinrichtung in Bublitz, von der wir wissen, war die Verbrennung einer Hexe im Jahre 1653, wozu als Scharfrichter Meister Kantelt aus Neustettin geholt worden war[1]. Doch überrascht lesen wir im Kirchenbuch, daß am 13. Februar 1820 der

„privilegierte, examinierte, approbierte Scharfrichter"
Herr Jacob David Wiegang

durch „kalten Brand am Fuß“ im Alter von 57 Jahren gestorben sei. Die Gebühren
Abdecker
  • als Bürger
  • als Examinierter
  • mit Abendgeläut
dreifach! Es gab also immer noch einen Scharfrichter in Bublitz, der als "Herr" tituliert wurde und bei dessen Beerdigung die Kirche das Dreifache berechnete! Wie konnte das bei einem "unehrlichen" Menschen sein?

Nebenstehender Auszug aus "Preußische Medicinalgesetze"[2] lehrt uns, daß damals die Begriffe "Scharfrichter" und "Abdecker" tatsächlich weitgehend gleich gesetzt wurden - nicht nur in Bublitz. Und daß unser "Scharfrichter" für die "Vollstreckung peinlicher Urtheile" nicht unbedingt zuständig war! Warum aber wurde er dann nicht als das bezeichnet, was er tatsächlich war, nämlich "Abdecker"?

Die Tätigkeit von beiden wurde seit Jahrhunderten als "unehrlich" empfunden. Das änderte sich erst mit der Aufklärung, erklärt aber nicht, warum der Bublitzer Scharfrichter offensichtlich sogar einen gehobenen sozialen Status besaß. Aber sehen wir uns zunächst an, wie es mit den Bublitzer Scharfrichtern weiterging.

Nachfolger des Wiegang wurde sein Schwiegersohn, der Bürger und ehemalige Brauer, nunmehr "privilegierte Scharfrichtereibesitzer" Carl Gottlieb Gast , was wir aber erst 1840 hören, als der seine Tochter an den ebenfalls privilegierten Scharfrichtereibesitzer Friedrich Phillip Ferdinand Fuchs aus Köslin verheiratet. Noch als "Bürger und Brauer" fungiert „Herr“ Gottlieb Gast 1822 als Pate beim „Halbmeister oder Scharfrichterknecht“ Heinrich Wilhelm Andry. Wahrscheinlich hat er einige Zeit gebraucht, ehe er die "Haupteingeweide der vierfüßigen Haustiere" usw. erlernt hatte und die Prüfung durch den "Kreisphysikus in Gegenwart des Landraths" bestand. Scharfrichter zu sein war offensichtlich einträglicher als Bier zu brauen. Gast stirbt 1842 im Alter von 54 Jahren.

Es dauerte wiederum lange, bis ein neuer Scharfrichter in Erscheinung trat, nämlich 1850. Dieser, Carl Julius Gast, könnte dem Namen nach ein Verwandter seines Vorgängers sein, aber das ließ sich nicht belegen. Er taucht zuerst 1841 als Rentier und Pate bei Bäckermeister Friedrich Conrad Gast auf. 1843 heiratet er die 23jährige Tochter des Bäckers Friedrich Daniel Gast und wir erfahren, daß er 28 Jahre alt, bereits Witwer und Besitzer des „Rittergutes“ Geitberg ist. Wenn einer mit 26 Jahren Rentier genannt wird und zwei Jahre später ein Gut kaufen kann, läßt das auf ein beträchtliches Vermögen schließen. Allerdings spricht aus der Bezeichnung „Rittergut“ eine gewisse Großmannssucht, denn Geitberg war gar kein Rittergut. In späteren Einträgen im Kirchenbuch, so auch noch im Februar 1850 bei der Taufe seines fünften Kindes ist er nur noch „Gutsbesitzer“, im Oktober als Pate beim „Privatlehrer“ Karl Gast aber schon „Scharfrichter“! Bei der nächsten Taufe eines seiner Kinder ist ein Gutsbesitzer Schröder auf Geitberg Pate. Er hat also das Gut verkauft und dafür die Scharfrichterei erworben! Er besitzt sie bis zu seinem Tode 1876, hatte sie aber seit etwa 1868 an Wilhelm Klagge verpachtet.

Nachfolger wurde vermutlich sein ältester Sohn Karl Georg Julius, der 1880 „Scharfrichtereibesitzer“, 1887 aber als „Scharfrichtersohn“ Pate ist.

Das Scharfrichter/Abdecker-Geschäft war nicht besonders personalintensiv, denn im Kirchenbuch fanden sich bisher nur vier Scharfrichterknechte- und Gehilfen:

  • 1822 und 1825 Heinrich Wilhelm Andry
  • 1830, 1831, 1833 und 1836 August Kerlin (Coerlin, Cörlin)
  • 1843, 1845 und 1847 Wilhelm Friedrich Witt
  • 1887 Carl Buse
Die üblichen Aufgaben eines Abdeckers waren, gegen Bezahlung "gefallenes" oder "abgestandenes", zum menschlichen Verbrauch ungeignetes Großvieh, außer Schafen, abzuholen, gegebenenfalls abzuledern und zu vergraben sowie wilde Hunde einzufangen und zu töten. Es ist rätselhaft, wie man damit reich werden konnte.

[1] Horst Wendt: „Bublitz in Pommern“, Greifswald-Hamburg 2004
[2] C.F. Koch: Preußische Medicinalgesetze, Creutz, Magdeburg 1833, Seite 272

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