Inhaltsverzeichnis Das Unheil naht Kämpfe um Hölkewiese Flucht und Rückkehr Gefallene

Bis zur Vertreibung
Unter den Russen

Nach dem Ende der Kämpfe zogen die russischen Kampftruppen aus Hölkewiese ab, nachdem sie ihre Toten an Ort und Stelle beerdigt und die Gräber mit roten Sternen verziert hatten. Eine Besatzung blieb nicht zurück. Als die ersten Bewohner am 13. März ins Dorf zurückkehrten, fanden sie ein grauenvolles Chaos vor: überall Spuren der Kämpfe, auf den Feldern gefallene deutsche Soldaten, Waffen, Munition, Granattrichter, im Dorf Schützenlöcher, tote Pferde, zerbrochene Fuhrwerke, verwüstete Häuser, zerschlagene Fenster und Türen. Bei Fehlbergs waren das Wohnhaus und die Scheune, bei Walter Beß der Stall und die Scheune abgebrannt. Ähnlich sah es auf dem dorfnahen nördlichen und dem östlichen Abbau zum Groß Volzer Wald hin aus. Fast alle Höfe waren dort durch Beschuß mehr oder weniger beschädigt. Die abgelegenen Höfe im Norden hatten unter den Kämpfen am wenigsten gelitten; hier trauten sich die Russen nicht hin, denn sie fürchteten versprengte deutsche Soldaten in den Wäldern.

Die Zurückgekehrten begannen aufzuräumen. Zuerst wurden die Toten beerdigt: am Mühlenweg 17 SS-Männer, an der Rummelsburger Chaussee kurz vor Buchtal 10 deutsche und 10 russische Gefallene. Die im Gelände verstreuten Toten, darunter auch Zivilisten begrub man an Ort und Stelle. Dann wurden die Tierkadaver beseitigt, die Seuchengefahr war groß. Schließlich hatte jeder im eigenen Haus und Hof die unbeschreiblichen Verwüstungen zu beseitigen. Man mußte sich auch um das Vieh kümmern, das - wenn es überhaupt noch da war - frei herumlief. Ein paar Hühner, Schafe, eine Kuh ließen sich auftreiben; mancher hatte sogar wieder ein Pferd. Auch die Hofhunde waren nicht alle erschossen worden. Zum Glück hatten die Bauern als Selbstversorger schon im Herbst Kartoffeln und Kohlrüben eingemietet, auch Obst eingeweckt, aber Mehl zum Brotbacken wurde bald ein Problem. Alle Lebensmittel, die man nicht gut versteckt hatte, waren verbraucht oder verdorben. Sogar das Salz fehlte, doch konnte man sich mit Viehsalz behelfen.

Im März und Anfang April zogen noch häufig russische Nachschubeinheiten durch Hölkewiese. Meist waren es primitive Pferdefuhrwerke, manchmal einzelne Autos. Einmal marschierte eine Kompanie uniformierter Polen durch, offenbar auf dem Wege nach Kolberg, das sich bis zum 18. März hielt. Jedesmal wurde etwas mitgenommen, manchmal etwas dagelassen. Doch schlimmer waren die nächtlichen Raubzüge marodierender Rotarmisten[1], die nicht nur die Würste aus dem Rauchfang holten, sondern auch die Frauen vergewaltigten. Es war wohl im April, als die zurückgekehrten Einwohner von einem russischen Offizier und einer Dolmetscherin aus Baldenburg befragt und aufgeschrieben wurden, Ernst Gleß wurde zum Bürgermeister bestellt. Er sollte dafür sorgen, daß die letzten Kampfspuren beseitigt und mit der Frühjahrsbestellung begonnen werde.

Später verlegten die Russen eine große Anzahl eingesammelter Kühe und die zugehörigen deutschen Hilfskräfte, meist Frauen, von Schönberg nach Hölkewiese auf den Hof von Bethges, der zu diesem Zwecke eingezäunt worden war. Nun hatte Hölkewiese seinen Dorfrussen, Spitzname die „Krumme Neun“, der mit seinen „Damen“ auf dem Gutshof residierte, ein kleiner schwarzer, ganz unangenehmer Mensch, der stets eine ungewöhnlich geformte, schwarze Pelzkappe mit rotem Stern trug. Immerhin hörten damit aber die nächtlichen Überfälle auf. Die arbeitsfähigen Dorfbewohner - Frauen, Jungen zwischen 13 und 16 Jahren und alte Männer - mußten jetzt fast wie in alten Zeiten für das Gut arbeiten. Das hieß zunächst vor allem Kühe hüten, melken und Butter machen. Daneben wurden auch Sommergetreide gesät und Kartoffeln gepflanzt.

Ende Mai 1945 wurde Ernst Gleß nach Baldenburg abgeholt und verhört, kam dann nach Bublitz und wurde drei Wochen später entlassen. Etwa gleichzeitig, noch vor der Heuernte, verschwand die Krumme Neun aus Hölkewiese. Lonka, ein großer, schlanker Russe in Uniform und sein ziviler Helfer Wassili, vielleicht ein Ukrainer, waren die neuen Herren, die Karl Damerow wieder zum Bürgermeister machten und auch bei ihm wohnten. Mit ihnen kam eine freundlichere Stimmung ins Dorf. Es heißt, sie seien richtige Spaßvögel gewesen und Weiberhelden dazu. Ab und zu kam der „Natschalnik“, der Kommandant und Major aus Baldenburg, mit einem Jeep oder einer Kutsche auf den Gutshof und sah nach dem Rechten. Wenn er in die große Gesindestube kam, wo alle gemeinsam aßen, und meinte, jemand hätte nicht genug bekommen, legte er selbst Butter und Brot nach.

Dann kamen die Heu- und danach die Roggenernte; die alten Männer mähten, die Frauen und Jungen mußten das Heu wenden, Garben binden und Stiegen aufstellen. Das Getreide wurde eingefahren und in einem großen Staken aufgetürmt, der auf der Nordseite der Chaussee bei Damerow stand. Wenig später wurde gemeinsam gedroschen. Auch privat durfte man sich Vorräte anlegen. Im Spätsommer wurden alle Kühe auf Bethges Hof verladen und abtransportiert, Lonka und seine Begleiter blieben aber noch da, beaufsichtigten das Dreschen und die Kartoffel- und Rübenernte. Auch diesmal durften sich die verbliebenen deutschen Bewohner mit dem Handwagen das Ihrige nach Hause holen. Lonka kümmerte sich auch darum, daß Holz für Bedürftige aus dem Wald heranholt wurde.

Unter den Polen

Ab Mitte November 1945 ließen sich Polen in Hölkewiese nieder; vorher hatte Lonka alle Versuche - notfalls mit Waffengewalt - unterbunden. Als er ging, hatten die Einwohner seinen Schutz verloren. Von Falkenhagen, wo sich die Polen schon früher eingenistet hatten, brachte die Miliz die neuen Einwohner, die aus Zentralpolen kamen und kein Deutsch sprachen. Sie waren jetzt die Herren auf den Höfen und bezogen die gute Stube; die früheren Besitzer durften in die hinterste Kammer ziehen, mußten aber weiterhin alle anfallenden Arbeiten verrichten. Mit wenigen Ausnahmen wurden die Deutschen nach einiger Zeit gezwungen, ihre ehemaligen Höfe unter Zurücklassung ihrer Habe zu verlassen, woanders hinzuziehen und für einen anderen Polen zu arbeiten. Manche mußten in dieser Zeit viermal umziehen. Wer nicht arbeiten wollte, wurde dazu gezwungen. Die Arbeit wurde nicht entlohnt, zumindest nicht mit Geld. Erst später gab es hin und wieder ein paar Zloty.

Im Dezember 1945 wurden von den Polen alle ehemaligen Parteigenossen -oder wen sie dafür hielten - abgeholt, eingesperrt, verhört und erst etwa sechs Wochen später wieder freigelassen. In einigen Punkten aber normalisierte sich das Leben. Man konnte zum Beispiel wieder Briefe schreiben und erhalten und erfuhr so nach langer Zeit, ob die Angehörigen noch lebten.

Unter den Russen hatte es im August 1945 die letzte evangelische Konfirmation in der Dorfkirche gegeben. 1946 übernahmen die Polen die Kirche und wandelten sie in eine katholische um. Die Deutschen kommentierten das so: Die gingen tags in die Kirche, nachts klauten sie! Johannes Rojahn und seine Frau versuchten in dieser Zeit, unter den verbliebenen Deutschen so etwas wie ein kirchliches Leben aufrecht zu erhalten.

Die Vertreibung

Nur wenige Deutsche ahnten vor dem Kriegsende, daß die östlichen Provinzen Deutschlands an Polen und die Sowjetunion fallen würden und die Bewohner ihre Heimat würden verlassen müssen. So versuchten viele Flüchtlinge nach der Kapitulation wieder in die Heimat jenseits der Oder zurückzukommen. Im östlichen Hinterpommern aber war nach den Kämpfen die deutsche Bevölkerung in ihren Heimatorten geblieben oder nach vergeblicher Flucht dorthin zurückgekehrt; sie erfuhr die bittere Wahrheit erst viel später. Es könnte im Februar 1946 gewesen sein, daß in Hölkewiese alle Deutschen offiziell informiert und ihre Namen aufgeschrieben wurden; doch wann es losgehen sollte, wurde nicht gesagt. Außerdem, man mochte es nicht glauben!

Aber schon als in Hölkewiese noch die Russen herrschten, wurden auf Betreiben der Polen diejenigen ausgewiesen, die vor dem Kriege dort nicht gewohnt hatten, nämlich die Bomben-Evakuierten und die hängengebliebenen Flüchtlinge aus Ostpreußen. Die erste alteingesessene Familie verließ das Dorf Anfang Januar 1946 mit Hilfe ihres ehemaligen polnischen Kriegsgefangen und gelangte über Köslin nach Stettin-Frauendorf und von dort Anfang Mai mit einem Schiff nach Travemünde. Man konnte auch „privat“ von Hölkewiese wegkommen, d.h. wenn man weggelassen wurde und die Fahrt selber bezahlte.

Im Sommer 1946 hieß es, Frauen mit Kindern und kranke Leute könnten gehen; die eine oder andere Familie verschwand auch plötzlich. Trotzdem war es dann doch eine große Überraschung, als an einem der ersten Januartage des Jahres 1947 viele Hölkewieser bei bitterer Kälte zum Rummelsburger Bahnhof beordert wurden. Diese Aktion ist als „Rummelsburger Todestransport“ bekannt geworden[2], bei dem von etwa 2500 Deutschen, die aus dem Kreis und der Stadt Rummelsburg stammten, rund 500 durch Hunger und Kälte ums Leben kamen. Allein aus Hölkewiese starben mindestens neun Personen:

  • Altbäuerin Barnikow
  • Louise Fick
  • Erika Fuhrmann
  • Rosemarie Kuschel
  • Ernst Lawrenz
  • Adolf Orthmann
  • Helga Raatz
  • Berta Schmidt
  • Bäuerin Wurch
Der Tod traf besonders die Alten und die Kinder: Frau Fick war mit 77 Jahren die Älteste, die kleine Erika Fuhrmann mit noch nicht 2 Jahren die Jüngste.

Auch im folgenden Sommer benötigten die neuen Bewohner von Hölkewiese die ehemaligen als Arbeitskräfte und ließen sie nur widerstrebend ziehen – in Viehwaggons und mit 40 Pfund Gepäck. Soweit bekannt wurden 1947 alle in die sowjetische Besatzungszone gebracht, meist in Lager in Thüringen; viele blieben dort hängen. Die letzten verließen Hölkewiese 1948; nur eine einzige Familie – eine Frau mit ihren Kindern - blieb und nahm die polnische Staatsangehörigkeit an.


[1] Ralf Possekel: Sowjetische Dokumente zur Lagerpolitik, Dokument 16, Akademie Verlag 1998
[2] Bericht des R. P. aus Sellin, Kreis Rummelsburg i. Pom ., in „Pommersches Heimatbuch 1982“, herausgegeben von der Pommerschen Landsmannschaft, Kulturabteilung, 2000 Hamburg, Johnsallee 18

nach oben zum Inhaltsverzeichnis