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Kurze Geschichte von Hölkewiese[1]
Auf dem baltischen Höhenrücken zwischen Pommern und Pommerellen gab es im späten Mittelalter einen breiten, bewaldeten, unbewohnten Grenzstreifen[2], an dessen südlichem Rand der Deutsche Ritterorden 1382 die Stadt Baldenburg gründete. Die nördlichen Seite gehörte zum Bistum Cammin; Bublitz hatte bereits 1340 Stadtrecht erhalten[3], nachdem Bischof Friedrich von Eichstädt, den größten Teil von Schloß, Stadt und Land Bublitz von den Wedel, Spening und Saynitz gekauft hatte. Auch die spätere Hölkewieser Feldmark lag im Bistum, genauer, in der Karzenburgischen Heide. Nach der Reformation wurde das Bistum in ein Fürstentum umgewandelt. Bis 1872 bestand der sogenannte Fürstenthumer Kreis und wurde dann in die drei Kreise Kolberg-Körlin, Köslin und Bublitz aufgeteilt. Im Gefolge der Weltwirtschaftskrise löste die kommissarische Preußische Regierung im Oktober 1932 den Kreis Bublitz auf. Die drei Dörfer Groß und Klein Karzenburg sowie Hölkewiese - in der Karte rot - wurden nach fast 600 Jahren von ihrer Wurzel abgeschnitten und dem Kreis Rummelsburg zugeschlagen. Der hellgrüne Haupteil kam zum Kreis Köslin, die dunkelgrünen Teile an die Kreise Belgard und Neustettin.

Kirche

Der ehemalige Kreis Bublitz

Die wichtigsten Grenzpunkte waren 1310 und 1313 in den Verträgen zwischen dem Deutschen Orden und Markgraf Waldemar von Brandenburg, der zwischen 1306 und 1317 Schlawe-Stolp besaß, bestimmt worden: "... ad lacus et paludes, que vocantur Wolza, deinde ad collem, qui vocatur Bobolze, in quo quondam castrum fuerat, post hec ad fluvium dictum Kefdicz, .... darauf zu den Seen und Sümpfen, die Wolza (Volzsee) heißen, darauf zu dem Hügel, der Bobolze (Borwels- oder Burgwallberg) genannt wird, auf dem früher eine Feste gewesen war, drauf im Weiterschreiten zu dem Flusse, der Kefdics heißt ...[4]. Später wurde der Grenzverlauf präzisiert: Baumberg und Sallnitzfließ sowie der Schwertbaum (ad gladios) auf der anderen Seite des Tessenthinsees kamen als neue Grenzpunkte hinzu. Der Baumberg liegt nur etwa 1 km südlich von Hölkewiese. Auch der östliche Rand Hölkewieses vom Burgwallberg bis zum Papenzinsee war Jahrhunderte lang Grenze zwischen dem Bistum, späteren Hochstift und Herzogtum Cammin und dem Land Schlawe-Stolp.

Wegen der rauhen Höhenlage und dem schlechten Boden, auch wegen der vielen Grenzstreitigkeiten, mieden die frühen deutschen Siedler diese Gegend. Erst Ende des 16. Jahrhunderts wird sie besiedelt, als nach der Reformation mit dem Verschwinden der Klöster die überzähligen Adelssöhne neue Rittersitze gründeten und gleichzeitig infolge der Entdeckung Amerikas mit dem Zufluß von Gold und Silber die Getreidepreise in Europa stiegen.

Viele Jahre lang, solange mir die "Geschichte der Karzenburgischen Heide" nicht vertraut war, zitierte ich an dieser Stelle Emil Gohrbrandt[5]:

Hölkewiese wird zum ersten Mal im Jahre 1590 erwähnt: "Ort Holtz an der polnischen Grenze bei der Holteke Wiesen"

Das aber ist nicht richtig, denn schon 1444, als die Stadt Köslin die Hälfte der Karzenburgischen Heide von den Kamekes kaufte, wird der Name erwähnt[6]. Da war es aber weiter nichts als ein Ortsmal. Als Dorf wurde es erst kurz nach der Gründung von Groß und Klein Karzenburg um das Jahr 1600 durch die von Lettows und von Massows systematisch angelegt.

Auf der berühmten Pommernkarte des Rostocker Mathematiker Eilhard Lubin von 1618 ist es als "Holckewes" dargestellt. In der Hufenmatrikel des letzten Greifenherzogs von 1628 kommt das Dorf dagegen nicht vor; vermutlich, weil es als Neugründung zu diesem Zeitpunkt noch von allen Abgaben befreit war. Es fehlt auch in den Steuerverzeichnissen, die der Große Kurfürst 1655 und 1666 anlegen ließ[7] und auch noch in der Blankenseeschen Hufenklassifikation von 1719[8], die sich aber alle auf die Matrikel von 1628 stützen.

Die junge Gründung wird in den Wirren des dreißigjährigen Krieges sehr gelitten haben. Als 1654 Hermann Georg v. Lettow seinen Anteil an Hölkewiese für 1000 Gulden verkauft, heißt es:

Als aber nur zwo Paurhöffe nicht allein; nur (jedoch ohne Wehrsleute undt Hoffwehr) bebawet undt die übrigen drittehalb hoffe gantz noch unbebawet im Busche unaußgeradet vorhanden, Dannenhero die H. Kauffere dieselbe nicht gebrauchen, undt ihre Zinßen des Kauffschillings in etlichen vielen Jahren davon nicht erreichen können, besondern auch wegen dieses Dorffs Höltkewiese die sämbtlichen interessenten mitt Berndt Mönchowen am hochlöblichen Keyserlichen Cammergerichte zu Speir im Proceß hangen...[9]

Die "Interessenten" prozessieren also auch noch mit ihrem Nachbarn in Groß Karzenburg! Aber diese Beschreibung weist auch schon auf eine andere Besonderheit des Dorfes hin, nämlich die vielen Einzel- und Doppelhöfe in der Feldmark, die dazu auch noch eigene Namen haben, s. Dorf und Abbau.

An dieser Stelle liegt es nahe zu fragen, was der Name bedeutet. Otto Noeske vermutet einen Zusammenhang mit dem seit 1364 in Pommern nachgewiesenen Geschlecht derer von der Holcken[10]. Vielleicht hatte aber auch ein Bublitzer Bürger hier Landbesitz; 1655 und 1666 hieß der Bürgermeister Friedrich Holtz. Am wahrscheinlichsten ist aber, daß ursprünglich eine holkerige, also unebene, höckerige Wiese beschrieben wurde. Wiesen waren für die Viehwirtschaft wichtig und damit war der Ort vergleichsweise reich gesegnet.

Praktisch alle frühen Quellen über Hölkewiese betreffen Wechsel der adligen Besitzer, denn diese mußten sich ihre Lehnsbriefe bei Erbfolge, Tausch oder Veräußerung vom Landesherren bestätigen lassen. Es sind bis in 18. Jahrhundert – außer der Stadt Köslin - immer dieselben Namen weniger Familien, nämlich: Lettow, Kameke, Massow, Münchow, später auch Scholten und Kleist. Wie damals aufgrund des adligen Erbrechtes allgemein üblich, war das Dorf besitzmäßig vielfach geteilt. Es gab Hölkewiese a und b, wobei Hölkewiese a wiederum aus 3 Teilen bestand.

In den Befreiungskriegen 1810 wurde die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben. Die Auseinandersetzungen über die Aufteilung von Grund und Boden und die Entschädigung der Gutsbesitzer zogen sich noch lange hin. Dieser sogenannte "Rezeß" wurde in Hölkewiese 1834 geschlossen und 1836 bestätigt. Beteiligt waren Frau Wilhelmine Friederike v. Schmeling, geb. v. Kleist, für Gut a mit den Teilen 1 bis 3 sowie Leutnant Ferdinand von Below für Gut b. Zu diesem Zeitpunkt war Frau v. Schmeling schon "pleite", wie man heute sagen würde; ihr zur Seite stand der von der Landschaft bestellte Sequestor, Herr v. Dorpowski. In der Folgezeit wechselte das Gut mehrfach den Besitzer, ehe es zwischen 1890 und 1892 durch einen Herrn Bedau aus Tuchel aufgesiedelt wurde. Es blieb ein kleines Restgut, das bis 1945 die Familie Bethge besaß.

Eine Kirche hatte Hölkewiese offensichtlich schon im 17. Jahrhundert. Seit 1710 hatte es immer den Pastor mit Groß Karzenburg gemeinsam und wurde später eine Filial der Nachbarkirche. Die alte Hölkewieser Kirche wurde 1874 angebrochen und auf ihren Fundamenten eine neue errichtet.

Am 26. April 1877 wurde die neue Kirche endlich durch Generalsuperintendent Dr. Jaspis und Superintendent Herwig geweiht und der Gemeinde zu Gottes Dienst übergeben. "Einfach und schlicht, doch würdig" steht das Gotteshaus da – so sagte bei der Weihe der Generalsuperintendent und Pastor Blume schließt seinen Bericht über den Bau: "Doch hell und freundlich strahlt Gottes Sonne hinein, und es hat Raum genug für die Hölkewieser Gemeinde.[11]

Spätestens ab 1780 gab es in Hölkewiese einen Schulmeister, der in einer Stube unterrichtete. Die ersten bekannten Schulmeister waren der Schneider Joachim Daniel Timm (1789-1824) und sein Enkel Christian Friedrich Wilhelm Timm (1823-1842), dem die Lehrer Warnke und Wilhelm Georg Hermann Pieper folgten. Nach der Jahrhundertwende unterrichtete der Lehrer Radde; ab den dreißiger Jahren bis 1945 Hans Kuschel. 1925/26 war ein neues Schulhaus erbaut worden.

Die durch Hölkewiese führende Chaussee von Rummelsburg nach Groß Karzenburg wurde 1899-1905 gebaut; etwa zur gleichen Zeit dürfte auch die Dorfstraße gepflastert worden sein. Die Chaussee nach Baldenburg über Schönberg wurde erst 1928-29 angelegt; der alte Weg querte im Wald die "Sallnitz", eine tief eingeschnittene Schlucht westlich des Baumbergs, worum sich viele Hölkewiese Spukgeschichten rankten.

Bei der Volkszählung 1935 hatte Hölkewiese 382 Einwohner. Am Morgen des 26. Februars 1945 fuhren die ersten russischen Panzer von Baldenburg kommend durch das Dorf. Die meisten Dorfbewohner versuchten anschließend, nach Norden zu flüchten; der Landweg nach Westen war versperrt. Aber nur ein kleiner Teil erreichte rechtzeitig die Küste und gelangte über die Ostsee in den Westen. Der Rest kehrte nach zwei Wochen zurück. 1947 wurden die letzten aus ihrer Heimat vertrieben. Dazu mehr unter Krieg, Flucht, Vertreibung.

Wie das Dorf 1975 und später aussah, kann man auf den Seiten Hölkewiese heute lesen.


[1] Die ausführliche "Chronik von Hölkewiese" finden Sie hier.
[2] Hans Branig: "Geschichte Pommerns, Teil I, 1300-1648", Verlag Böhlau 1997, S. 127.
[3] Gerhard Müller: "Das Fürstentum Kammin", 1929, Herrcke & Lebeling Stettin
[4] Hans Jakob Schmitz: "Die Stadt Baldenburg und ihre Geschichte", Schneidemühl 1932
[5] Emil Gohrbrandt: "Ortsgeschichte" und "Siedlungsgeschichte" in "Der Kreis Rummelsburg – Ein Heimatbuch" 1938 – Neu Herausgegeben 1979
[6] Johann Ernst Benno: „Geschichte der Stadt Coeslin“, Hendess, Cöslin 1840, Urkunde No. 31
[7] Werner v. Schulmann: "Einwohnerverzeichnisse von Hinterpommern nach den Steuererhebungen von 1655 und 1666" Verlag Böhlau, Köln 1966
[8] Siehe [2]
[9] Hermann von Lettow: "Beiträge zur Geschichte des Geschlechtes von Lettow-Vorbeck", Lauenburg, 1882. Übrigens prozessierten die Lettows 1698 "wegen etlicher Bauernhöfe in Hölkewiese" auch mit der Stadt Köslin.
[10] Otto Noeske: "Geschichte des Dorfes Hölkewiese", Ostpommersche Heimat, Beilage der Zeitung für Ostpommern, Nr. 25, Stolp, 1932
[11] Dieben: "60 Jahre Hölkewieser Kirche", Gemeindeblatt f. Bublitz 1937, Sept.

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